"Weihnachten gibt’s vom Uli Ferngläser" - Reiner Calmund schreibt im EXPRESS
Langsam wird es kälter. Ich bin mal gespannt, wann der erste Schnee fällt. Ich freue mich schon darauf, den Duft der ersten Plätzchen zu riechen und meinen Wunschzettel ans Christkind zu schicken. Eigentlich habe ich nur eine Bitte an den Nikolaus und ans Christkindchen: Bitte, bitte, lass die Bayern nicht so davonziehen. Natürlich werden die Meister, ich gönne es ihnen auch, es bleibt mir ja keine Wahl. Aber genauso wünsche ich mir, dass die Liga noch spannend bleibt. Also muss Dortmund heute richtig Gas geben und den Über-Bayern ein Beinchen stellen.
Münchens Manager Uli Hoeneß wird wohl das geruhsamste Weihnachtsfest seit Jahren feiern. Uli wird schön brav vor seinem geschmückten Bäumchen sitzen, in sein Kaminfeuerchen schauen und nette Pakete schnüren, um sie nach Bremen, Gelsenkirchen oder Hamburg zu schicken. Mein alter Freund kann seine vorlaute Ankündigung vom Sommer wohl wahr machen: „Hier habt ihr ein paar Ferngläser, um zu schauen, wie weit wir Bayern schon enteilt sind. Frohe Weihnachten und ein schönes neues Jahr wünscht Euch Euer Uli.“
Ich bleibe mal in München, auch, wenn es einige nicht mehr lesen wollen. Da ist nämlich ein Junge, der richtig Spaß macht. Toni Kroos, 17 Jahre, ein Jahrhundertjuwel. Vor einigen Monaten wurde bei der U17-WM in Korea als bester Spieler mit dem Goldenen Ball ausgezeichnet. Und dass der Kerl von Trainer Ottmar Hitzfeld im Belgrader Hexenkessel eingewechselt wurde beweist, dass der Klub Vertrauen zu Kroos hat. Er bedankte sich prompt mit zwei entscheidenden Aktionen, das 2:2 bereitete er vor, das 3:2 schoss er gleich selbst. Dafür treiben mich diese ahnungslosen Marktschreier zur Weißglut, die die Leute für dumm verkaufen wollen. Kroos heute schon in einem Atemzug mit Franz Beckenbauer zu nennen, ist absoluter Irrsinn. Solche Leute mag ich unglaublich gerne. Das sind nämlich die Typen, die auch unsere drei jungen Top-Torhüter Neuer, Adler und Rensing in den Himmel hoben, um sie nach ihren letzten Fehlern zu verteufeln. Schalkes Neuer hat Fehler gemacht. Ist doch völlig normal für solch einen jungen Mann. Deshalb ist er aber nicht schlechter. Ich sage: Nach seinem Patzer gegen Chelsea in der 4. Minute hat er starke Nerven gezeigt und bis zum Schluss fehlerfrei gehalten. Er hat seinen Fehler zugegeben und damit bewiesen, dass er einen absolut tollen Charakter hat. Neuer leidet nicht wie viele seiner Fußballkollegen unter der Krankheit Profilneurose und mangelnder Selbstkritik. Der ist kein Traumtänzer. Ich sage hier und jetzt: Rensing, Adler oder Neuer – zwei von den Kerlen werden bei der WM 2010 im Kader der Nationalmannschaft stehen.
In Leverkusen müssen sie jetzt kleinere Plätzchen backen. Schade drum, denn gegen Stuttgart war mehr drin. Aber wer sich bereits seit Wochen über die zu kleine Pause beschwert, muss sich nicht wundern, dass die Spieler irgendwann selbst daran glauben, dass sie müde seien. Natürlich ist es nicht glücklich, wenn die Bayer-Profis bereits 40 Stunden nach ihrem UEFA-Cup-Sieg über Toulouse wieder in der Bundesliga antreten müssen. Aber den TV-Vertrag gibt es bereits seit Jahren. Und wer immer mehr Fernsehgeld haben will, darf sich über die Bedingungen dann nicht beklagen. Wenn man den Spielmodus ändern will, kann man das ja in aller Ruhe im nächsten TV-Vertrag berücksichtigen. Und dass Bayer nicht so übermüdet war, zeigen die glasklaren Torchancen von Barnetta und Gekas in den letzten 5 Spielminuten.




















